Nur mäßige Gelenkentlastung beim Nordic Walking
Physiotherapie-Studie widerlegt die vermeintlich schonende Wirkung.

Schon früh am Morgen drehen die ersten Stockschwinger ihre Runden. Allein oder in Gruppen bringen sich Hausfrauen, Rentner und Bürojobber auf Trab. Nordic-Walking – kaum eine zweite Fitnessbewegung kann einen vergleichbaren Beliebtheitsgrad vorweisen. Das schnelle Gehen mit zwei Stöcken entlaste die Gelenke wird den Anhängern der Sportart vermittelt. Bis zu 30 Prozent könne der Druck reduziert werden. Diese Behauptung hält jedoch kritischen Nachforschungen nicht stand. Daniel Leyser, Physiotherapie-Student an der Europa Fachhochschule Fresenius (EFF) in Idstein, hat jetzt festgestellt, dass der Einsatz der Stöcke gegenüber dem stockfreien Walken nur eine Gelenkenlastung von „deutlich unter 10 Prozent“ bringt.

Skilangläufer waren schon immer erfinderisch, wenn es darum ging Trainingsmöglichkeiten für schneefreie Zeiten zu entwickeln. Da wurden Bretter mit Rollen versehen und andere alternative Rutschmöglichkeiten erfunden. In den frühen 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts hatten Langläufer in Finnland die genial einfache Idee: sie ließen die Bretter einfach weg und flitzten fortan nur mit Stöcken über sommerliche Blumenwiesen. Bald fanden nicht nur Skiläufer an dem neuen Fortbewegungsmodell Gefallen. 30 Jahre später war der Stocksport in hiesigen Breiten angekommen und boomt seitdem explosionsartig.

Das in Nordic-Walker-Kreisen gern verbreitete Gerücht der erheblichen Gelenkentlastung machte die Idsteiner Forscher misstrauisch, „zumal die Entlastung bei orthopädischen Gehhilfen gerade einmal zehn Prozent beträgt", erklärt Christian Grüneberg der EFF-Projektleiter. In Zusammenarbeit mit dem Institut für Biomechanik der orthopädischen Rehabilitationsklinik in Bad Sassendorf wollten die Wissenschaftler das tatsächliche Entlastungspotential herausfinden. 20 Probanden zwischen 35 und 65 Jahren wurden auf einen Parcours mit Steigungen, Gefälle und flachem Gelände geschickt. Mit Hilfe von Sensoren in den Schuhsohlen der Walker und Messungen an Gelenken und Stöcken konnte der forschende Physiotherapeut feststellen, dass der Gebrauch von Stöcken das Gewicht nicht erheblich reduziert. Das endgültige Studienergebnis liegt noch nicht vor, da bisher nur die Daten von zwölf Teilnehmern ausgewertet wurden. Der Trend aber sei eindeutig erkennbar, so Projektleiter Grüneberg.

Auch die Gesellschaft für Orthopädisch-Traumatologische Sportmedizin (Gots) räumte gestern mit der Mär „extrem gelenkschonend“ auf. Die Belastung hänge stark von der Technik ab, verkündeten die Orthopäden auf dem noch bis morgen in München stattfindenden Deutsch-Österreichisch-Schweizer Kongress für Sportorthopädie und Sporttraumatologie. Die Stöcke brächten zwar eine gewisse Entlastung, doch langgezogene Schritte, bei denen das Bein mit nahezu vollgestreckten Kniegelenken aufgesetzt werde, führten zu einer deutlichen Mehrbelastung von Hüft-, Knie- und Sprunggelenken. Biomechanische Untersuchungen kämen zu dem Ergebnis, dass der Druck auf die Gelenke sogar stärker sei als beim Joggen.

Die Untersuchungsergebnisse schmälern nicht den hohen gesundheitsfördernden Wert des Nordic-Walking. Wegen der aktivierenden Wirkung auf Schulter- und Nackenmuskulatur sei es besonders für Büroarbeiter zu empfehlen, sagen die Sportorthopäden. Auch die Idsteiner Forscher wollen das Stockgehen mit ihrer Studie nicht herabsetzen. Es sei ein „absoluter Gesundheitssport“ erklärten sie gegenüber dem „Wiesbadener Kurier“.
Die richtige Technik jedoch will gelernt sein. Manch ein stampfenden Schrittes mit starrer Wirbelsäule verbissen stakender Walker schreit geradezu nach physiotherapeutischer Beratung.